24 November, 2009 17:07
»Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.
»Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine Prinz vor.
»Ich bin so traurig...«
»Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich
bin noch nicht gezähmt!«
»Du bist nicht von hier, sagte der Fuchs, »was suchst du?«
»Ich suche die Menschen«, sagte der kleine Prinz. »Was
bedeutet 'zähmen'?«
(...)
»Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte der
Fuchs. »Es bedeutet: sich 'vertraut machen'.«
»Vertraut machen?«
»Gewiß«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch nichts
als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich
brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein
Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden
wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde
für dich einzig sein in der Welt...«
»Ich beginne zu verstehen«, sagte der kleine Prinz. »Es
gibt eine Blume... ich glaube, sie hat mich gezähmt...«
»Das ist möglich«, sagte der Fuchs. »Man trifft auf der
Erde alle möglichen Dinge...«
(...)
Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:
»Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen
jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander.
Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben
wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von
allen andern unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der
deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da
drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos.
Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast
weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt
hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das
Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.«
Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an:
»Bitte... zähme mich!« sagte er.
Der kleine Prinz, von Antoine de Saint-Exupéry
